Rabenvögel und ihr schwerer Stand

Ein Rabe auf einem Haus sitzend

Wiederholt Forderungen zur Bejagung von Rabenvögeln

Wie aktuellen Artikeln und Leserbriefen aus dem BBV zu entnehmen ist, geht es wieder einmal um eine Forderung zur Bejagung von Rabenvögeln. Diesmal sind es Dohlen, denen es an den Kragen gehen soll. Doch warum haben Rabenvögel bei uns so einen schweren Stand? Warum kommt dieses ‚leidige Thema‘ immer wieder auf?

Waren Raben in vorchristlicher Zeit noch Symbole für Intelligenz und Weisheit, man denke nur an Odins Raben Hugin und Munin, deren Namen für ‚Gedanken‘ und ‚Erinnerung‘ stehen, so wandelte sich dieses Bild im Rahmen der Dämonisierung heidnischer Religionen mit zunehmender Ausbreitung des Christentums. Tiere mit schwarzem Fell oder Gefieder galten fortan als dämonisch, als Sinnbild des Teufels und allen Übels auf der Welt. Es traf Rabenvögel genauso wie schwarze Katzen und Hunde. Selbst im modernen Epos Herr der Ringe verwendet J.R.R. Tolkien Krähen, die als Spione für den vom rechten Weg abgekommenen weißen Zauberer Saruman arbeiten.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, warum in unserer konservativ-christlich geprägten Gesellschaft die Rabenvögel schwer gelitten sind. Wo man sie auch sieht, man wünscht sie sich anderswo. Beklagt wird sich über ihre Exkremente, über ihre subjektiv als unangenehm empfundenen Stimmen und letztlich darüber, daß sie unter anderem Jungvögel fressen. Dann schalten sich auch noch Jäger und Landwirte ein, die ihre wirtschaftlichen Interessen gefährdet sehen und die versuchen, die schlechte Presse der Rabenvögel für einen Rundumschlag gegen Umwelt- und Naturschutzverbände zu mißbrauchen.

Mich erreichte vor einigen Tagen diese Zuschrift:

Der heutigen Ausgabe des BBV ist zu entnehmen, dass im innerstädtischen Bereich der Stadt Borken die Dohlen nach dem Empfinden einiger Kommunalpolitiker zu gehäuft auftreten. Ohne jegliche fundierte Grundlage fordern sie eine Bejagung der geschützten Vögel. Dazu können wir als NABU nicht nur eine ablehnende Haltung einnehmen, sondern zugleich auch eine aufklärende, denn so kann und darf das nicht stehen bleiben. Die Wahrnehmung der CDU-Politiker, dass es zu viele Tiere sind, entbehrt jeglicher Grundlage. Wurden denn tatsächlich seriöse Zählungen durchgeführt, die nach wissenschaftlichen Standards erfolgten? Nach unserem Eindruck ist es das subjektive Empfinden, das hier wiedergegeben wurde.

Wie hätten sich die Politiker wohl verhalten, wenn anstelle der unbeliebten Rabenvögel stattdessen „liebreizende“ Rotkehlchen oder Stieglitze in Massen aufgetreten wären? Dann hätte es bestimmt nicht den reflexartigen, ja populistischen Schrei nach einer Bejagung gegeben. Diese ist aus diversen Gründen abzulehnen. Zum einen sind Dohlen geschützte Vögel, die zwar in unserer Region häufig vorkommen, dagegen in anderen mitteleuropäischen Regionen bedroht sind. Dass sie bei uns in größeren Schwärmen vorkommen, ist darauf zurückzuführen, dass es sich bei den Dohlen um eine der ganz wenigen Arten handelt, die von der intensiven Landwirtschaft profitieren. Ihre Zunahme ist also vom Menschen und seinem Handeln verursacht. Zum anderen führt eine Bejagung zum gegenteiligen Effekt von dem, was man sich von ihr verspricht.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben verdeutlicht, dass der Abschuss von Rabenvögeln zu mehr Nachwuchs führt, da immer nur wenige Tiere geschossen werden können. Dadurch werden Reviere von Altvögeln frei, die sich dann mehrere junge Paare teilen, die dann wiederum für Nachwuchs sorgen. Statt auf eine ineffektive Bejagung zu setzen, sollten wir mehr den natürlichen Feinden der Dohlen vertrauen. Doch gerade im Kreis Borken werden nach wie vor illegalerweise Greifvögel getötet, ohne dass dies wirklich effizient verfolgt würde. Von daher fordern wir vom NABU einen verantwortungsvollen, respektvollen Umgang mit den hochintelligenten Rabenvögeln. Eine Bejagung lehnen wir unmissverständlich ab, weil sie keine ökologische Antwort auf ein menschengemachtes Problem darstellt.
Beste Grüße,
Michael

In aller Kürze sehen wir hier wichtige Gründe zusammen gefaßt, die gegen eine Bejagung dieser Tiere sprechen. Insgesamt ist es längst an der Zeit, sich auch oder gerade in Deutschland von der Vorstellung zu verabschieden, daß man Probleme am Besten durch Waffengewalt löst. Die gezielte Verfolgung einzelner Tiergruppen zur vermeintlichen Wiederherstellung eines durch andere Ursachen aus den Fugen geratenen ökologischen Gleichgewichts ist nicht nur unnötig brutal, sie kann auch das Problem nicht langfristig lösen.

Nun habe ich schon mehrfach den Vorwurf gehört, der NABU kritisiere nur das Verhalten anderer, ohne gangbare Lösungswege anzubieten. Daher möchte ich an dieser Stelle zusammenfassen, was getan werden müßte, um tatsächlich eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die durch Rabenvögel bedroht gesehenen Arten zu erreichen.
Dafür muß man zunächst einmal wissen, welche Faktoren Druck auf zum Beispiel Singvögel, Hühnervögel und auch Hasen ausüben – ich möchte hier nicht den ideologisch besetzten Begriff ‚Niederwild‘ verwenden, der eine Reihe kleiner Tiere erfaßt, auf die unsere Grünröcke gerne schießen, aber viele andere Tierarten unserer Feldflur außen vor läßt.

1. Schwund der Nahrung

Insektizide wie die Neonikotinoide und Herbizide wie Glyphosat haben in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Rückgang der Artenvielfalt und der Anzahl der Individuen in unserer Kulturlandschaft geführt. Insektenbestände sind um zwischen 80 und 90% eingebrochen, Wildkräuter sind einigen wenigen industriell genutzten Arten gewichen. Das führt dazu, daß Bruterfolg bei Vögeln erschwert wird. Auch Hasen finden immer weniger geeignetes Futter, denn von der einseitigen Ernährung Industriegras können sie nicht leben. Die Tatsache des Insektenschwunds kann jeder bestätigen, der im Sommer eine weitere Strecke mit dem Auto fährt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie vor 20 Jahren noch alle paar hundert Kilometer ein Stop an einer Tankstelle erforderlich war, um die Windschutzscheibe zu reinigen. Heute fährt man an einem Hochsommertag von Flensburg bis Hindelang und findet nur vereinzelt Insekten auf der Scheibe.

2. Verlust von Deckung

Die offene Feldflur wird stets offener. Feldgehölze werden so beschnitten, daß sie in den folgenden Jahren eingehen. Hecken werden entfernt, Wegränder illegal mitbewirtschaftet, Unterwuchs in Wäldern durch den Einsatz schwerer Holzerntemaschinen beseitigt. Tiere, die sich vor ihren Freßfeinden (wie z.B. Rabenvögeln) verstecken müssen, finden immer seltener einen Unterschlupf. Auch Brutplätze fehlen in der aufgeräumten Landschaft. Brüten doch irgendwo ein Singvogelpaar oder eine letzte verbliebene Gruppe Rebhühner, so werden sie von den scharfen Augen der Rabenvögel schnell ausgemacht. Das ist das natürliche Verhalten. Übrigens sind auch die sehr beliebten Eichhörnchen Nesträuber, doch über sie regt sich scheinbar niemand auf.

3. Rückgang von Apex-Prädatoren

Am Ende der Nahrungskette stehen Tiere, die in unserer Landschaft immer seltener werden und stellenweise sogar ganz verschwunden sind. Die Ursachen hierfür sind vor allem in der Bejagung zu finden. Der inzwischen wiederkehrende Wolf ist nicht von alleine ausgestorben, er ist systematisch und auf brutalste Weise verfolgt worden, bis das letzte lebende Exemplar im 19. Jahrhundert feierlich (!) zur Strecke gebracht wurde. Und in späterer Zeit lassen Jäger dann verlauten, die Jagd sei für eine Regulierung des Wildbestands zwingend erforderlich, um Bestände gesund zu erhalten und Schaden von der Landwirtschaft abzuwehren. Ähnlich läuft es bei den natürlichen Feinden der Rabenvögel. Wanderfalken, von Taubenzüchtern gnadenlos und illegal verfolgt, sind ein seltener Anblick in unserer Landschaft. Auch die letzten Brutgebiete des Uhus, der nachts gern Rabenvogelnester plündert, werden noch immer gezielt gestört und die großen Eulen vertrieben.

Man erkennt an diesen Umständen, daß selbst eine erfolgreiche Bejagung der Rabenvögel nicht zu einer nennenswerten Erholung der Bestände an z. B. Singvögeln führen kann. Dazu ist ein besserer, nachhaltiger Umgang mit unserer Landschaft, mit unseren natürlichen Ressourcen nötig.

Ich möchte mich an dieser Stelle gar nicht allgemein gegen eine Bejagung aussprechen. Natürlich gehört die Jagd seit jeher zum natürlichen Betätigungsfeld des Menschen. Ist man aber nur darauf aus, Trophäen zu schießen und seine Lust am Töten zu befriedigen, so hat man die moderne Entwicklung zum aufgeklärten, moralisch handelnden Menschen verschlafen. Dies läßt sich bei Äußerungen seitens der Jägerschaft leider viel zu oft feststellen. Ohne ideologisch besetzt zu wirken, möchte ich die Jagd an dieser Stelle als Relikt aus vergangenen Zeiten bezeichnen, die dringender Reform bedarf, wie beispielsweise durch den ökologischen Jagdverband gefordert.

Zuletzt möchte ich allen Bürgerinnen und Bürgern unseres schönen Landes in Erinnerung bringen, daß wir auf diesem Planeten nicht allein sind. Alle Flächen dieses Landes sind besitzrechtlich aufgeteilt, und jeder menschliche Besitzer scheint für sich das Recht in Anspruch zu nehmen, den alleinigen und vollständigen Nutzen aus einem Stück Land ziehen zu dürfen. Krähen dürfen keine Saat vom Acker fressen, Hirsche keine Zweige von jungen Bäumen fressen, Raupen von Schmetterlingen keine Zierpflanzen in Gärten vertilgen. Nur wenige Menschen erkennen, daß auch andere Lebewesen, die nicht von unserem Besitzrecht erfaßt werden und deren natürliches Verhalten dies auch gar nicht zuläßt, ein moralisches und ökologisches Anrecht darauf haben, mit uns gemeinsam diese Welt zu bevölkern. Wir täten gut daran, auch im Sinne unseres eigenen Überlebens, diese Möglichkeiten nicht weiter einzuschränken und mit Gewalt oder Chemie zu unterbinden.
Sascha Heßeling
NABU Kreisverband Borken

Foto (C) Thaddäus Bielefeld

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  1. Sehr interessant. Vielen Dank für diese sachlichen, informativen Fakten. Es wäre eine gute Idee, das auszudrucken und uninformierten, schießwütigen CDU – Mitgliedern zum Lesen zu geben.

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